©  Foto:

Das Samsø-mädchen und der filmkaufmann

Er ist aus den dänischen Zeitschriften, Zeitungen und Fernsehsendungen nicht wegzudenken, wo er schon jahrzehntelang seine Meinungen zu allem vom Filmgeschäft bis zur Politik kundtut. Vormittags trägt er matschige Gummistiefel, abends schmeißt er sich mit einem Smoking für die Filmpremiere in Schale. So sieht das Leben des bekannten dänischen Filmproduzenten Peter Aalbæk Jensen aus. Und bei ihm, hinter ihm und neben ihm steht Lise Palm, die er vor vierzig Jahren heiratete.

Vom Inselleben geprägt
„Ich zog als 14-Jährige aus Risskov bei Aarhus nach Samsø. Im ersten Jahr wohnte ich die Hälfte der Zeit hier und die andere Hälfte der Zeit in Risskov, damit ich meinen Schulabschluss machen konnte. In dem Alter war es eine verrückte Sache, nach Samsø zu ziehen, aber es machte Spaß, hier zu leben – vor allem im Sommer.“ So lauten Lises Erinnerungen an ihre ersten Jahre auf Samsø, wo sie viel Zeit in der väterlichen Töpferwerkstatt in Tranebjerg verbrachte. „Mein Vater stellte Vasen, Lampen, Becher, Schalen, ja fast alles, was man sich vorstellen kann, her. Ich glaube, dass die meisten Inselbewohner Palm-Keramik im Haus haben. Genau wie die Samsø-Mädchen, die auf dem Regal hinter uns stehen. Sie hatten sich zu einem der beliebtesten Signaturwerke meines Vaters entwickelt“, erzählt Lise.

Der Ton und das Formen hatte die junge Lise fasziniert, und neben ihrer Arbeit als pädagogische Assistentin half sie in der Werkstatt aus. „Als Erwachsene habe ich mein Interesse an der Keramik bewahrt, und zuhause auf dem Hof in Herfølge habe ich eine Töpferscheibe und einen Brennofen. Es ist nur ein Hobby für mich und nichts, woran Peter sich versuchen sollte“, sagt Lise lachend, während sie Peter dabei hilft, seine Hände feucht zu halten.

Als Lise 20 Jahre alt war, zog sie von Samsø weg und wenige Jahre später kam sie mit Peter zusammen.

Liebesgrüße von Samsø
Lise und Peter lernten sich 1980 kennen. Davor war Peter noch nie auf Samsø gewesen, und er erinnert sich an seinen ersten Besuch, als sei es eine Expedition gewesen: „Damals war der Weg nach Samsø sehr weit. Die Fähre war noch älter als ich, und die Überfahrt von Kalundborg auf Seeland nach Kolby Kaas dauerte eine Ewigkeit. Aber Samsø war auch mental weit weg vom pulsierenden Großstadtleben, und es war sehr exotisch, eine Freundin zu haben, die von einer Insel kommt.“

Als das Paar an einem der ersten Abende im Restaurant „Dokken“ in Ballen essen ging, lag die Betonung auf exotisch, wie Peter sich erinnert: „Dokken war damals die erste Adresse auf der Insel gewesen, was Restaurants betraf, und auch damals stand mitten im Restaurant ein Fischkutter. Das war wirklich verrückt. Wir aßen Schollenfilet und es war absolute Spitzenklasse.” Peter fand auch, dass Lise absolute Spitzenklasse war, und drei Jahre nach dem Dinner saß das Paar erneut mit Messer und Gabel in der Hand auf Samsø – dieses Mal im Kreise ihrer Familien und Freunde.

Ein halbes Schwein und ein ganzes Ja
In der Onsberger Jugendherberge waren um die 100 Personen versammelt. Mittendrin saßen Lise und Peter – sie im selbstgenähten Brautkleid und mit Blumenkranz im Haar, er im Nadelstreifenanzug. Jetzt als Eheleute. „Wir wurden vom Bürgermeister in der Kaffeestube der Gastwirtschaft getraut. Das war alles sehr unaufgeregt, aber trotzdem war und ist es eine wichtige Zeremonie für mich, auf diese Art miteinander verbunden zu werden”, erklärt Peter, der bereits vor der Feier sehr erschöpft war.

„Wir waren arme Studenten und hatten deshalb alles selbstgemacht. Wir hatten ein halbes Schwein gekauft, das wir selbst für die vielen Gäste zubereitet hatten. Lises Vatter hatte einige Fische gefangen, die wir auch servieren konnten. Auch die Instrumente hatten wir eigenhändig in den Gastraum geschleppt und alles arrangiert. Als die Gäste eintrafen, war Peter immer noch in seinem verschwitzten T-Shirt zugange“, erinnert sich Lise.

Der Traum am Meer
Die Hochzeit war eine tolle Feier, und seitdem hat das Paar viele feierliche, gemütliche und schöne Momente auf Samsø verbracht. Lises Eltern waren in den ersten Jahren immer selbstredend der Mittelpunkt für die Besuche der Paare. Nachdem eigene Kinder hinzugekommen waren, wurde Samsø auch zu einem Ort, an dem die Familie in einer Zeit zusammen sein konnte, die von viel Hektik und einer Kometenkarriere geprägt war.

„Als wir noch jung waren, hatten wir an verschiedenen Orten auf der Insel übernachtet, und häufig auf dem Ballener Campingplatz. Als wir das Haus bekommen hatten, war es einfacher für uns, meine Eltern zu besuchen. Wir hatten eine feste Basis, wo Platz für die ganze Familie war, die größer geworden war”, berichtet Lise.

Das Haus, von dem Lise spricht, war immer ihr großer Traum gewesen, so Peter: „Lise stammt aus einer armen Keramikerfamilie, in der nie viel Geld da war. Es war deshalb eine sehr große Sache, ein Haus am Meer zu kaufen. Das taten wir 2002, als wir ein kleines Landarbeiterhaus fast direkt neben der Schlachterei in Ballen gekauft hatten.“ 

Bei Regen und Sturm
Die Schlachterei ist jetzt verschwunden und das Haus liegt in erster Reihe am schönen Südstrand, wo Wasser und Sand fürs Spielen und Nachdenken herhalten, freut sich Lise: „Im Sommer kommen im Haus immer alle Kinder, Schwiegerkinder, Enkelkinder und Bonuskinder zusammen. Überall sind Menschen, und alle Räume werden als Schlafräume genutzt. Es wird gegrillt und gebadet, gesungen und gefeiert. Im Winter sind Peter und ich hier meistens allein. Es ist etwas ganz Besonderes, hier ein Wochenende im November zu verbringen, wenn es dunkel und friedvoll ist. Es sind Millionen von Sternen am Himmel zu sehen und das Meer rauscht. Dann wenden wir den Blick nach innen und finden Ruhe.“

Für Peter, der viele Jahre lang ein Leben auf der Überholspur verbracht hat, ist ein winterlicher Spaziergang durch die Nordbyer Hügel oder ein Tag im Haus, an dem er einfach nur aufs Wasser blickt, wie ein Aufenthalt in einer anderen Dimension – sowohl seelisch als auch praktisch. „Wir alle mögen Sonne, Sommer und Wärme, aber Samsø bei Sturm und Wind zu erleben, ist etwas ganz Besonderes. Und dann ist es wunderbar, sagen zu können, das kann ich nicht, ich bin auf Samsø, wenn das Telefon klingelt!“

Lise und Peter vermieten das Haus ebenfalls, was noch nie ein Problem gewesen ist – ganz im Gegenteil. Peter erklärt: „Wir haben viele Stammgäste, die jedes Jahr wiederkommen. Sie gehengut mit dem Haus um, arbeiten im Garten, zupfen Unkraut und so weiter. Ich glaube, der Gesamtumfang der Schäden in all den Jahren, in denen wir das Haus vermietet haben, beläuft sich auf einen verbogenen Teelöffel und ein zerbrochenes Glas.“

Immer Samsø
Mit mehr als drei Jahrzehnten mit häufigen Aufenthalten auf Samsø hat Peter bemerkt, dass sich Samsø konstant entwickelt. „Das Großartige an Samsø ist, dass man es selbst in die Hand nimmt, wenn auf der Insel etwas passieren soll. Man steckt in der Regel sogar eigenes Geld in die Vorhaben. Das war unter anderem der Fall, als Windräder aufgestellt und landwirtschaftliche Flächen für die Bio-Landwirtschaft erworben werden sollten. So geht man nicht überall vor“, weiß Peter, der solch einen Ansatz schätzt und selbst praktiziert.

Vor einigen Jahren starteten Peter, Lise und die restliche Familie gemeinsam ein großes Projekt in Herfølge auf Seeland. „Wir wollten ein ökologisches, nachhaltiges Dorf mit Tieren und Feldern, mit Versammlungshaus und einer Gemeinschaft aufbauen. Es ist ein großes Unterfangen, das unsere gesamte Zeit in Anspruch nehmen kann, wenn wir dies zulassen. Aber für Samsø ist immer Zeit – und Bedarf“, so Peter.

LISE UND PETER

  • Lise Palm ist Architektin und wurde an der Architektenschule der Kunstakademie ausgebildet. Sie ist Projektmanagerin bei der Kopenhagener Stadtentwicklungsgesellschaft By & Havn.
  • Peter Aalbæk Jensen wurde an der Dänischen Filmschule ausgebildet und ist seit über 30 Jahren in der dänischen Filmbranche tätig – als Produzent, Schauspieler, Produktionsleiter und Inhaber einer Filmgesellschaft.
  • Gemeinsam haben sie neben Lises Sohn aus erster Ehe zwei Töchter.